* Aus dem Leben gegriffen mit Edeltraud Haischberger *

Schauen wir doch einmal genauer hin. Ich kenne sehr wenige Leute, die es schaffen, ruhig in einer Liege zu liegen und gar nichts zu tun. Nämlich auch nicht lesen, sondern eben gar nichts tun. Die Gedanken dürfen schweifen, die Seele sollte baumeln und wir sollten es uns so richtig gutgehen lassen.

Jetzt hör ich so richtig wie viele Leserinnen und Leser sagen. „Oh, meine Güte, das geht doch gar nicht, da werden ja meine Gedanken ganz wild! Da fallen mir doch tausend Dinge ein, die alle gemacht werden sollten!“ 

Genau – und solange das so ist, sind wir nicht in unserer Mitte. Es sind ja nicht nur die Gedanken, es schleicht sich auch gleich das Schuldbewusstsein dazu. Das kann man doch nicht machen, da schauen die anderen schon ganz schief, wenn ich da einfach auf der Liege faulenze. Oh, oh, wir sehen das noch als faulenzen, dabei ist es eine Übung um die Ruhe in uns wieder zu finden, damit wir Kraft für den Alltag schöpfen. Merken Sie, wie sehr wir verhaftet sind in unseren Gedanken, wie andere uns sehen. Und genau das sehen auch die anderen in uns. Denken wir, wir sind elende Faulenzer, werden wir sicher darauf angesprochen, schließlich riecht das jeder hundert Meter gegen den Wind. Sind wir aber in der Kraftschöpfer-Energie, werden wir ein Lächeln ernten und meist gelobt, dass wir uns die Ruhe nehmen. Unsere Gedanken kreieren unsere Welt. Warum wir das immer wieder vergessen ist auch mir schleierhaft. 

Wenn der Rasenmäher röhrt, dann nehme ich Ohropax

„Aber ich kann doch nicht in der Liege liegen, wenn der Schwiegervater neben mir den Rasen mäht!“ Ich frage diese Dame: „Warum nicht? Hat er um Hilfe gebeten?“ „Nein, hat er nicht!“ Sagt sie: „Aber es gehört sich doch so, dass man hilft!“ Finde ich ganz und gar nicht. Wenn jemand Hilfe braucht, so soll er es bitte sagen. Sonst fühle ich mich nicht angesprochen. 

Ja, ich weiß, das geht gänzlich auf das soziale Verhalten, das uns beigebracht wurde. Immer schön brav sofort helfen, das kann man nicht auf Knopfdruck wegschalten. Aber probieren ist doch erlaubt, oder? 

Ich kann mich noch gut erinnern an eine der ersten Seminarreisen nach Korfu. Wir hatten eine g’standene Bäuerin mit. Sie war arbeiten gewohnt und auf einer Liege liegen, das hat sie nur aus Erzählungen gekannt. Nun war Urlaub und wir haben es uns gemütlich auf unseren Liegen neben dem Pool gemacht. Anna auch. Doch kaum hat Anna etwas gehört, war sie sofort auf so unter dem Motto: „Braucht mich jemand?“ Es war ganz schwierig für sie, einfach nur sie selbst zu sein. Einmal gar nichts tun war kaum möglich für sie. Für sie war „gar nichts tun“ die Blumen gießen, die Enten füttern, dort und da was rauszupfen oder zumindest spazieren gehen. Das könnte doch für viele von uns passen, oder?

Für unseren Körper ist es ganz wichtig, dass Anspannung und Entspannung im Einklang sind 

Das ist heute fast nicht mehr zu finden. Früher ist man mit dem Tageslicht aufgestanden und am Abend bald schlafen gegangen. Heute machen viele die Nacht zum Tag. Es gibt ganz viele Schichtarbeiter. 

Das alles bringt die zwei Nervenstränge Sympathikus und Parasympathikus, die den Rücken entlang laufen, durcheinander. Der Körper weiß nicht mehr, wann anspannen und wann entspannen. Die Folge sind Verkrampfungen, Migräne und die berühmten Wochenendkrankheiten. Die Nebenniere, unser Adrenalinlieferant ist durch unsere ständige Anspannung immer am Adrenalin ausschütten – und am Sonntag dann Ruhe? Da wird die Nebenniere ganz nervös, weil wohin mit dem Adrenalin, das heute niemand braucht? Migräne ist die Folge. 

Wir können unserem Körper nichts Besseres tun, als ihm immer wieder mal eine Ruhepause zu gönnen. Der Mensch ist keine Maschine und eine Maschine braucht auch Wartung. 

Ich weiß, viele werden jetzt sagen: „Das muss ich aber lernen!“ Genau, und zum Lernen gehört dazu, dass man dran bleibt. Nehmen Sie sich vor, dass Sie zwei Mal am Tag 15 Minuten gar nichts tun. Es werden tausend Gedanken kommen, lassen Sie sie kommen und weiterziehen. Einfach wo hinsetzen oder besser hinlegen und ruhen. 

Das berühmte Mittagsschlaferl bekommt so eine ganz neue Bedeutung. Führen Sie es wieder ein, falls Sie es nicht eh schon machen. Und zwar ganz regelmäßig! Und bleiben Sie ganz ruhig, auch wenn rundum schon wieder Hektik ist, es steht Ihnen zu, einmal gar nichts, absolut nichts zu tun. 

Zu diesem Thema passt für mich sehr gut die Achtsamkeit. Sei achtsam, haben Sie sicher schon einmal gehört. Das heißt nichts anderes als im Augenblick zu leben, aufmerksam zu sein, was mache ich gerade JETZT? Wie spreche ich gerade mit mir. Wie rede ich mit anderen? Höre ich wirklich zu, oder sind meine Gedanken schon wieder so weit vorne, dass ich denke was ich antworten werde? Bin ich achtsam mit mir? Mit meiner Familie? Mit meinen Arbeitskollegen? Achtsamkeit hat ganz viel mit Lebensqualität zu tun, denn wenn Sie wirklich achtsam sind, dann sind Sie mit allen Sinnen bei der Situation die Sie gerade leben. Also ist Achtsamkeit auch ganz wichtig beim Nichtstun!

Wenn Sie sich schon einmal gönnen, sich dem Nichtstun hinzugeben, dann tun Sie es bitte mit allen Sinnen, lassen Sie sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen und kosten Sie diese Situation richtig aus. Sie werden erleben, dass Gedanken kommen, dass Sie am liebsten sofort abbrechen möchten, dass Stimmen kommen, die Ihnen was anderes einreden möchten. Halten Sie durch, auch das ist wirklich lernbar. Und denken Sie, wie viel Gutes Sie damit Ihrem Körper tun.

Achtsam sein heißt aber nicht, dass ich nur auf mich schaue, es geht darum in der Gegenwart zu bleiben. Wie oft ist Ihnen schon passiert, dass Sie auf der Kellerstiege nicht mehr gewusst haben, was hole ich eigentlich. Das war gar nicht achtsam. Ich hab so lustig gefunden, wie mir eine Frau erzählt hat, um Achtsamkeit in ihr Leben zu bringen hat sie sich ein Küchenstockerl in die Tür zum Esszimmer gestellt. Und man glaubt es nicht, wie oft sie sich angestoßen hat. Achtsamkeit ade. Heute in der Zeit von Multitasking, wo wir auch noch sehr stolz drauf sind, dass wir Auto fahren, telefonieren und weiß was noch alles auf einmal können, geht die Achtsamkeit komplett verloren. Achtsamkeit versuche ich auch immer auf meinen Spaziergängen. Wann haben Sie zuletzt ganz aufmerksam die gerade blühenden Blumen wirklich angeschaut? Welche Gedanken haben Sie beim Walken oder Laufen? Sehen Sie die Pracht am Wegesrand? Genau diese Achtsamkeit lässt uns dann auch leichter beim Nichtstun zur Ruhe kommen. Denken Sie in nächster Zeit einmal an sich. Machen Sie Pausen. Sie schaffen mehr, wenn der Körper immer wieder Ruhe bekommt. Und achten Sie besonders auf sich! Verwöhnen Sie sich, mit einmal GAR NIX TUN !

Text von Edeltraud Haischberger, Seminarleiterin und Organisatorin, Buchautorin von „Frau, stell dich auf die Füße“, „Sag JA zum Nein“, „Klare Grenzen setzen im Alltag!“

www.edeltraud-haischberger.at

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